Der Wert einer Allee als Habitat, seiner Lebensraumqualität, hängt vor allem mit dem Alter, der Naturnähe und dem Standort der Allee ab. Allen können besondere Lebensraumnischen bilden. Da die Bäume, anders als im Wald, frei in der Landschaft stehen, werden sie stärker besonnt. Daraus resultiert ein besonderes Mikroklima, das den natürlichen Bedingungen in Waldlichtungen, Waldrändern oder den Zusammenbruchstadien von Wäldern gleicht. Arten, die solche Lebensräume brauchen, finden in alten Alleen geeignete Ersatzhabitate. Auch die Ladendorfer Allee ist ein bedeutender Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten, aber auch Pilze und Flechten.

 

Xylobionte Insekten in der Ladendorfer Allee

Foto oben: Die großen Löcher sind Fraßspuren von Larven. Xylobionte Käferlarven wie jene des Juchtenkäfers oder Hirschkäfers brauchen eine Entwicklungszeit von mehreren Jahren.

Eine besondere Rolle für die Wertigkeit des Lebensraumes spielt das Alter der Bäume. Vor allem ältere Bäume ab 90 Jahren bieten ein vielfältiges Lebensraumangebot von Höhlen- und Rindenstrukturen sowie Totholz und Mulm. Solche Bäume werden von tot- und altholzbewohnenden Käferarten wie Hirschkäfer, Eremit und Heldbock besiedelt. Diese Arten gehören mittlerweile zu bedrohten Tierarten, weil sie in den Forstwäldern keinen geeigneten Lebensraum finden.

Dr. Ulrich Straka, ehemaliger Institutsleiter des Instituts für Zoologie an der Universität für Bodenkultur, Birdlife Austria Präsident, erforscht unter anderen auch xylobionte, also holzlebende, Käfer, die alte Bäume als Lebensräume benötigen. Er hat von 2008 bis 2020 ein Monitoring zur Bestandsentwicklung von Eremit und Hirschkäfer in der Ladendorfer Allee vorgenommen. Er stellte fest, dass 40 Linden und eine Rosskastanie Habitatbäume für den Eremiten sind. 89 Linden und 5 Rosskastanien wurden als Habitatbäume für den Hirschkäfer identifiziert. Auch der Linden-Prachtkäfer ein Frischholzbesidler, der Sägebock, Körnerbock und Balkenschröter als Totholzbewohner sowie aus der Gilde der Mulmbewohner der Nashornkäfer, der Rosenkäfer und der Schnellkäfer wurden von Dr. Straka in der Ladendorfer Allee dokumentiert.

Viele der xylobionten Käferarten sind nach Straka nur noch reliktär in Österreich verbreitet. Das auch besonders aufgrund der Veränderung ihrer ursprünglichen Waldlebensräume. Daher spielen nach Straka für den Fortbestand dieser Arten, aber auch für die Erforschung der Ökologie dieser „Urwaldreliktarten“ historische Parkanlagen und Alleen eine wichtige Rolle.

 

Juchtenkäfer

Der Juchtenkäfer oder Eremit, Osmoderma eremita, ist eine Art der Fauna-Flora-Habitat-Richtline und damit von besonderer Naturschutzrelevanz. Er bewohnt alte Laubbäume. Voraussetzung für die Besiedelung sind mulmgefüllte Baumhöhlen, Astlöcher oder Rindenspalten. Da diese in Wäldern, die der Primärlebensraum des Eremiten waren, fehlen, muss der Eremit auf Ersatzlebensräume wie hier ausweichen. Hier wurde der Juchtenkäfer erst 2008 von Dr. Ulrich Straka entdeckt. Damit ist der Wert der Allee noch höher einzustufen.

 

Hirschkäfer

Foto oben: Das Hirschkäfermännchen ist an seinem Geweih gut erkennbar. Diese Art ist im Nordosten Österreich noch rlativ häufig anzutreffen.

Der Hirsckäfer, Lucanus cervus, besiedelt Laubwälder der planaren bis kollinen Stufe der östlichen Bundesländer Österreichs. Die Larven des Hirschkäfers brauchen morsche Baumstubben, also morsches Wurzelholz. In diesem Holz leben sie über mehrere Jahre bis zu acht Jahren als Larve bis sie die Metamorphose zum imposanten adulten Hirschkäfer durchlaufen haben. Es kommt bis zu fünf Häutungen. Meist sind es drei Häutungen. In Mitteleuropa bevorzugen sie Eichen. Die Imagines, also adulten Hirschkäfer, nutzen als Nahrung vor allem Saumsäfte, die aus Verletzungen austreten. Diese Saftbäume ziehen oftmals mehrere oder auch viele Tiere an und sind damit auch Rendezvous-Plätze, wo sich die Paarungspartner finden. Der adulte Hirschkäfer lebt nur wenige Wochen. So ist es bei vielen Käferarten.

 

Spurensuche nach xylobionten Tieren

Wie findet man überhaupt die von den xylobionten Tieren besiedelten Bäume?  Die besiedelten Bäume durch den Eremiten kann man nach Straka  feststellen, indem man nach dem charakteristischen Larvenkot, toten Käfern oder Käferresten am Stammfuß der Bäume sucht. Ähnlich ist es beim Hirschkäfer.

 

Säugetiere, Vögel, Spinnen, Pilze und andere Besiedler und Bewohner der Alleebäume

Foto oben: In den mächtigen Baumkronen brüten zahlreiche Vögel. Hier ist ein Eichelhäher zu sehen.

Auch einige Säugetiere wie Garten- und Siebenschläfer, Eichhörnchen und Fledermäuse nutzen Baumhöhlen als Quartier. Besonders Vögel finden in den Bäumen einen Lebensraum. Sie bieten Ansitz- oder Singwarten, Balz- und Nistplätze, Futterquellen. Oft nutzen sie Alleen nur als Teilhabitat. Für räuberische Greifvögel wie Mäusebussard, Baum- und Turmfalke dienen Bäume als Ansitzwarten, um ihre Beute ausspähen zu können. Auch andere räuberische Vogelarten wie etwa Eulen, wie hier der Uhu, benutzen leere Baumhöhlen oder Faullöcher als Nistort. Aber auch um vom Baum aus Jagd zu machen. Auch Spechte wie Buntspecht, Grau- und Grünspecht nutzen Bäume als Brutstandorte, aber auch zur Nahrungsaufnahme. Auch die Dohle nutzt naturnahe Alleen als Bruthabitat.

Foto oben: In den alten Bäumen, insbesonder von Linden, siedeln sich auch gerne Pilze an. Auch sie haben oftmals eine xylobinonte Lebensweise.

Die Wirbellosen, also Insekten und Spinnen, sind jedoch mit Abstand jene Gruppe, die am meisten von Alleen profitieren. Besonders, wenn es einen hohen Altbaumbestand und Totholzanteil gibt. Warum das so ist, haben wir ja bereits erfahren. Außerdem gibt hier auf relativ wenig Raum unterschiedlichste Standortverhältnisse. Sei es über die unterschiedlichen Ebenen – also am und im Boden, am Stamm, in der Krone. Im Schatten oder in der Sonne. Usw. Dann je nachdem wie die Lebensweise eines Insekts ist. Denn sie durchlaufen eine Metamorphose. Dabei führen sie im Larvialstadium ein völlig anderes Leben als adultes Insekt. Denken wir etwa an Schmetterlinge. Die Raupen brauchen Futterpflanzen. Sehr oft ist das Laub von Gehölzen, teilweise auch krautigen Arten oder manchmal auch das Holz von Gehölzen selbst. Als Imago ernähren sie sich von Nektar oder nehmen gar keine Nahrung zu sich. Das Puppenstadium verbringen sie manchmal an Zweigen oder in der Laubstreu. Manchmal überwintert auch die Puppe in der Laubstreu.

 

Pflegeeingriffe in der Linden-Allee

Gerade weil die Allee öffentlich zugänglich ist, muss auch ihre Verkehrssicherheit gewährleistet sein. Das bedeutet, es braucht eine regelmäßige Baumkontrolle und gegebenenfalls auch entsprechend Pflegeeingriffe. Doch es geht nicht nur um Verkehrssicherheit bei der Pflege. Da diese Allee auch unter Naturschutz steht und hier seltene und bedrohte Arten, die gerade die alten Bäume als Lebensräume benötigen, muss hier der Spagat zwischen diesen beiden Aspekten geschafft werden.

Außerdem sind Bäume, die gefällt werden müssen auch wieder nachgepflanzt werden.

 

Pflege der Allee

Aber es sind nicht nur Bäume hier regelmäßig zu schneiden. Auch der Unterwuchs und die Randbereiche bedürfen einer fachgerechten Pflege. Damit dies erfolgen kann, muss ein Pflegekonzept erstellt werden. Bei einem Pflegekonzept werden Ziele formuliert und mit beschrieben mit welchen Maßnahmen diese umzusetzen sind.

 

Zustand der Allee vor einigen Jahren und heute

Die Allee war teilweise stark verbuscht. Daher musste das Gebüsch gerodet werden. Die Flächen werden nun wiesenartig erhalten.

Auch abgestorbene Bäume mussten entfernt werden. Teilweise wurden Basaltriebe stehengelassen, die als Baum heranwachsen können. Diese Fähigkeit wird auch „Phönixregeneration“ genannt. Der Primärbaum stirbt ab, aber die Basaltriebe wachsen weiter. So kann es auf natürliche Weise zu mehrstämmigen Bäumen kommen. Auch die Bildung von Adventivwurzeln, die in den Mulm hineinwachsen bedingen die Langlebigkeit von Linden mit.

Oder es wird mit jungen Linden nachgepflanzt. Sie brauchen nicht nur eine Baumverankerung, sondern auch einen Verfegeschutz gegen das Verfegen durch Rehe.

Alte nicht verkehrssichere Bäume müssen eingegkürzt werden, damit nicht mächtige Äste komplett ausbrechen können. Teilweise gibt es bei manchen Bäumen auch eine Kronensicherung durch Gurte.

 

 Foto oben: Die Allee ist menschengemacht. Ohne Pflege und Nachpflanzung verschwindet sie.  Hier wurden Jungbäume nachgesetzt.

Pflege und Erhalt der historischen Allee und eines Naturdenkmals

Die Erhaltung der historischen Alleen ist vor allem eine Aufgabe der laufenden Pflege. Die Bedeutung der Bäume als Lebensraum rückt in den Vordergrund.

Es gibt baumpflegerische und naturschutzfachliche Zielsetzungen. Die daraus resultierenden Maßnahmen sind immer wieder neu anzupassen, endsprechend dem Zustand der Allee, des Baumbestandes.

 

Alleen zur Biotopvernetzung und für den Klimaschutz

Foto oben: Alleen verbinden wie Adern unterschiedliche Biotope miteinander. Ein Netzwerk der Natur.

 

Die Allee ist durch ihre Größe ein eigenes Biotop, ein Lebensraum, der durch seine lineare Struktur andere Lebensräume miteinander vernetzt. Und es ist Renaturierung nach historischem Vorbild.

Kann also das Konzept der Allee unsere heutige verarmte Kulturlandschaft positiv beeinflussen? Und wenn ja, wie? Was sind die Bonuspunkte einer Allee?

 

 

Bedeutung für den Biotopverbund

Der anthropogen geschaffene Lebensraum ist eine Chance die Biodiversität unserer verarmten Landschaften positiv zu beeinflussen. Denn Alleen benötigen keine eigenen Flächen und der Landwirtschaft entgeht damit kein Ertragsverlust. Eine Win-Win-Situation.

Außerdem beleben wir mit Alleen ein typisches Gestaltungselement unserer traditionellen Kulturlandschaft wieder.

Alleen sind nicht nur Lebensraum, sie stellen auch wichtige Wanderwege zwischen Lebensräumen für verschiedene Arten dar. Auf diese Weise tragen Alleen zum genetischen Austausch zwischen den einzelnen Kernlebensräumen und damit zum langfristigen Populationserhalt bei. So sind sie wertvoll für den Biotopverbund. Diese Wirkung tritt besonders in den zunehmend ausgeräumten Agrarlandschaften zutage, in denen Alleen zum Teil nahezu einzigen verbleibenden Landschaftselemente darstellen, um Waldlebensräume miteinander zu vernetzen. Arten mit einem größeren Aktionsradius, wie bestimmte Kleinsäuger, können sich im Unterwuchs fortbewegen, während Vögel und Fledermäuse entlang der Kronenlinien die Landschaft linienförmiger Weise durchziehen.

 

Die Allee ein Ökosystem

Foto oben: Die Alleebäume bilden mit Saum- und Wiesenpflanzen, Gebüsch, dass sich am Rande etabliert eine ähnliche Situation wie das Zusammenbruchstadium eines naturnahen Waldes. Hier finden viele unterschiedliche Arten einen Lebensraum.

 

Ein Baum allein kann schon zu einem kleinen Lebensraum für viele unterschiedliche Organismen werden: Flechten und Rindenläuse siedeln sich an der Rinde beispielsweise an. Viele Käfer und andere Insekten finden ihren Lebensraum. In den Baumkronen nisten Vögel. Wenn die Bäume im Alter von holzfressenden Larven durchbohrt werden, kommt der Specht und findet seine Nahrung. Spechthöhlen sind begehrte Brutplätze für viele Vögel, aber auch Eichkätzchen schätzen die Höhlen, um ihren Winter-Kobel dort anzulegen. Eine Allee aber wie hier in Ladendorf ist bereist wie ein eigenes Ökosystem. Es herrscht ein besonderes Mikroklima und spezialisierte Arten siedeln sich an.

 

Bedeutung für den Klimaschutz

Alleen wirken sich positiv auf das Mikroklima aus, wie wir im Zusammenhang mit den Ökosystemleistungen bereits gehört haben. Sie beschatten und transpirieren, und kühlen so ihre Umgebung. Daher ist die Umgebungstemperatur kühler unter Bäumen als ein Ort ohne Baum.

Sie binden Staub mit ihrem Laub. Sie vermindern Bodenerosion durch das Laubdach und halten auch bei Starkregenereignissen Wasser zurück.

 

Die Bonuspunkte einer Allee

Was sind also die Bonuspunkte einer Allee:

  • Geringer Flächenverbrauch
  • Keine Konkurrenz zu landwirtschaftlichen Flächen, wenn im Nahebereich der Straße angepflanzt
  • Weiterführung einer historischen Tradition, eines historischen Erbes
  • Verbesserung der Ökosystemleistungen: Versorgungsleistungen durch Rohstoff- und Nahrungsmittelproduktion, regulierende Leistungen durch Staubfilter, Verdunstungsleistung, Regenwasseraufnahme etc. und kulturelle Leistungen wie Weiterführung der Gartentradition.
  • Erhöhung und Verschönerung des Landschaftsbildes.
  • Landmark und Leitfunktion
  • Verbesserung der biologischen Vielfalt, Biotopvernetzung.

 

Deshalb ist ein erster und wichtiger Schritt das Anlegen von Alleen in jeder Ortsein- und -ausfahrt sowie in allen geeigneten Straßenzügen. Damit setzen wir den Anfangspunkt für die Umsetzung der Renaturierung. Lasst uns Bäume und Alleen pflanzen! Überall! Damit die Vielfalt erhalten bleibt.